Namibia Wissenschaftliche Gesellschaft
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  • ISBN Nummer:
  • ISBN 978-99916-826-3-5
  • Produkt Name:
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  • Autor:
  • Helmut Sydow
  • Informationen zum Buch:
  • Kurzgeschichten und kurze Geschichten
Kurzbeschreibung:
Die Menschen des südlichen Afrikas und die Geschehnisse der vergangenen dreißig Jahre sind das schriftstellerische „Biotop“, aus dem der Autor Helmut Sydow für seine Erzählungen schöpft. Und wieder, genau wie in seinem, inzwischen in der dritten Auflage erschienenen Roman Treibholz, geht es ihm um politische Verwerfungen und gesellschaftliche Umbrüche. „Natürlich gibt es für mich auch andere Themen, aber ich schreibe grundsätzlich nicht über Sonnenuntergänge, unendliche Weiten und heile Welt zu Weihnachten“ sagt der mehrmals preisgekrönte Autor, „vor allem bediene ich nicht das Afrikabild von Traumtänzern, die hoffen, hier Dinge zu finden, die es nur im Märchen gibt“. Das wirkliche Afrika erschließt sich nur demjenigen, der sich die Mühe macht, über Jahre seinem Atem zu lauschen, seinen Pulsschlag zu spüren, seine Regungen zu fühlen. Das hat der Autor getan – ein Leben lang – und gibt hier seine Empfindungen auf unnachahmliche Art und Weise wieder. Mit jedem Satz erfährt man Neues, es entstehen eindringliche Bilder wie in einem Kaleidoskop, die den Leser nachgerade zu einer neuen Sicht der Dinge zwingen. Die Literaturzeitschrift Felsgraffiti hat es so ausgedrückt: „Der Autor...versteht es Literatur zu politisieren...und steigt unvermittelt in seine Geschichte ein, in deren scharfem Verlauf sich Biographisches und Geschichtliches verdichtend vermischen. Sein Text vermittelt Anspannung, Misstrauen und Wunsch nach Geborgenheit in Iakonischen Dialogen...und arbeitet das Verhältnis von Fiktion und Fakten südafrikanischer und daher auch namibischer Geschichte prägnant und zugleich nachfühlend auf.“ Softcover 148 x 210 mm 180 Seiten
  • Preis:
  • N$152.00
  • Bestellungen aus Namibia\SADAC:
  • Bestellungen aus Deutschland:

Leseprobe

Blutendes Herz

Es fiel dem Mann schwer, sich von dem Landrover zu trennen, denn er hatte mehr als die Hälfte seines Lebens mit ihm verbracht. Er liebte ihn, so, wie man ein altes Paar Schuhe liebt, in dem man bequem gehen kann, oder ausgewa­schene Jeans, die in den Müll gehören, aber die man immer wieder anzieht, weil sie nicht mehr drücken. In den letzten Jahren hatte er den Wagen nur noch für die Hunde benutzt und jetzt wo sie tot waren, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn zu verkaufen - auch seiner Frau zuliebe, die ihn wegen seiner schwergän­gigen Lenkung und harten Federung nie gemocht hatte.

Andere sahen es ähnlich. Auf die Annonce hin meldete sich lediglich ein ein­ziger Interessent. Ein über dreißig Jahre alter Long Wheel Base mit Ford-V6 Motor und einem Spritverbrauch von 20 Litern pro 100 Kilometer im Stadtzy­klus, ist nicht jedermanns automobiler Wunschtraum.

Es war ein älterer Herero. Er war groß und hager, trug einen verblichenen Hut mit breiter Krempe, eine ausgebeulte Jacke, dazu Khakihosen und bewegte sich mit der für ältere Männer seines Stammes typischen Gelassenheit. Aus der Fahrerkabine seines Toyota-Halbtonners schälten sich zwei Frauen in traditi­oneller Tracht und ein etwas jüngerer Mann. Mindestens ein halbes Dutzend Kinder und Jugendliche krochen unter dem Canopy der Ladefläche hervor. Sie alle grüßten den Deutschen, als sie das Grundstück betraten und der Deut­sche grüßte jeden einzelnen von ihnen zurück. Der Herero stellte sich vor, man gab sich die Hand, aber der Name sagte dem Deutschen nichts. "Ich farme bei Aminuis, am Rande der Kalahari", sagte der Herero auf Afrikaans, "da brauche ich einen Four by Four wie den da." Er wies auf den Landrover, befühlte die Reifen und strich über den Lack. "Der da", sagt er mit leicht verächtlichem Ton, drehte sich halb um und zeigte auf den Kleinlaster vor dem Haus, "der sitzt in den Dünen zu leicht fest. Da muss ich immer die Kinder holen, um mich rauszuschieben. Das ist auf die Dauer zu anstrengend." Der Herero kam dem Deutschen bekannt vor, aber weil er ihn nicht einordnen konnte, hörte er nach einer Weile auf, darüber nachzudenken, woher er ihn kannte.

Der Herero ging auf das Angebot einer Probefahrt nicht ein, sondern fragte sofort nach dem Preis. Als der Deutsche sagte: "Dreißigtausend", schüttelte er den Kopf. Der Sohn meinte auf Englisch, das sei zuviel. "Wir wissen, dass ihr Deutschen gut auf eure Autos aufpasst, das ist nicht das Problem, aber 30 000 Dollar haben wir nicht. " Der Deutsche sagte: "Wenn dem so ist, kann ich nichts daran ändern", aber seine Frau, die sich bisher abseits gehalten hatte, war bereit, über den Preis zu reden. Sie bat die Leute ins Haus und bot ihnen Kaffee, Saft und Gebäck an.

 

Was er denn bereit wäre zu zahlen, fragte sie den Herero, denn sie wusste, dass ihr Mann den Preis zu hoch angesetzt hatte, weil er sich nicht von dem Wagen trennen wollte. "Fünfzehntausend. Mehr nicht", sagte der Sohn und hob die Schultern. "Unmöglich". Der Deutsche winkte ab und wollte aufstehen. Seine Frau legte ihm die Hand auf den Arm und hielt ihn zurück. "Lieber fünfzehn Lappen auf die Kralle, als monatelang rumsitzen und warten. Zumindest wären wir das Ding dann los." Der Mann schüttelte den Kopf. Die Frau nahm ihre Hand zurück. "Ich werd' wohl noch meine Meinung sagen dürfen, wenn es um Dinge geht, die auch mich betreffen..." Der Mann verzog das Gesicht, wendete den Kopf ab und schwieg. Der Herero murmelte etwas zu seinem Sohn, griff in die Jackentasche und zählte aus einem Notenbündel fünfundsiebzig zweihun­dert Dollar Scheine ab. Als er den letzten Schein auf den Tisch gelegt hatte, schob er den Geldpacken mit einer Geste der Entschiedenheit zu dem Deut­schen hinüber, lehnte sich im Sessel zurück und nickte seinem Sohn zu. Der Sohn sagte: "Das ist alles. Mehr haben wir nicht..."